ARABITIS


von Oliver Seitz
Angefangen hat alles mit der Pferdebegeisterung meiner Schwester Karen. Von Kind an ging ich mit ihr auf auf Ponys reiten. Nachdem Karen dann den Beruf des Pferdewirtes erlernen wollte, versprach mein Vater ihr ein eigenes Pferd, sofern sie einen anderen Beruf wählen würde. Nach einem Ferien-Praktikum auf dem nahegelegenen Vollblutarabergestüt OM EL ARAB sollte es dann allerdings nicht mehr irgendein Pferd sein - es kam nur noch ein Vollblutaraber in Frage. Nach dem Lesen verschiedener Araberbücher wie ARABER IN EUROPA von Erika Schiele oder VOLLBLUTARABER IN DEUTSCHLAND von Dr. Otto Saenger und dem ASIL ARABER Buch des Asil-Clubs wurden wir auf das Gestüt EL HILAL von Erich Hagenlocher aufmerksam. Er züchtete den Typ Araber, den wir suchten -den edlen Saklawi-Typ mit Betonung auf Härte, Energie und Leistungsfähigkeit.
Am 1.November 1983 war es dann soweit. Eine Besichtigung des Gestüts von Herrn Hagenlocher stand an. Unsere Vorstellung, einen bereits ausgebildeten oder zumindest angerittenen Araber zu erwerben hat sich allerdings gleich zerschlagen. Zum Verkauf standen nur Absatzfohlen und ein Jährling. Nach weiteren 2 Wochen wurde dann unser erster Vollblutaraber gekauft. EH HAKIM von Al Nowasy aus der Halima (Das "EH" vor den Pferdenamen steht für den Gestütsnamen "El Hilal").
Es war klar, daß das Fohlen auf den Ponyhof kommen sollte, auf dem Karen und ich sowieso den Großteil unserer Freizeit verbrachten. Nachdem dort allerdings nur ältere Ponys und eine englische Vollblutstute standen, wurde mit Herrn Hagenlocher vereinbart, daß unser Fohlen noch bis zum nächsten Frühjahr bei ihm in der Herde bleiben sollte.
Hakim wurde natürlich regelmäßig besucht und inzwischen war die Begeisterung auch auf unsere Eltern übergesprungen. Im Frühahr 1984 - kurz bevor Hakim zu uns gebracht werden sollte, entschied mein Vater sich ein zweites Fohlen zu kaufen. Erstens sollte Hakim nicht alleine aufwachsen und zweitens war ein Fohlen für die ganze begeisterte Familie einfach zu wenig.
Im März 1984 kam daher Herr Hagenlocher mit dem noch sehr dunklen Schimmel EH Hakim und unserer "Neuerwerbung" dem Fuchs mit hellem Behang EH GABIR (Gharib x El Garia).
Beide Fohlen haben sich als absoluter Glücksgriff erwiesen. Wohlerzogen und umgänglich ließen sie sich von Anfang an bestens führen, gaben die Hufe und folgten uns auf Schritt und tritt. Man merkte, daß schon beim Züchter sehr viel Wert auf eine gute Erziehung gelegt worden war.
Insgeheim hoffte ich, daß mein Vater schnell das Interesse an den Pferden verlieren würde, damit ich Gabir ganz für mich hätte - das Gegenteil war der Fall. Zusammen mit meiner jüngeren Schwester Margit nahm er fleissig Reitstunden und wurde immer begeisterter.
Im Frühjahr 1985 kam ein weiterer Junghengst - auch aus dem Jahrgang 1983 - dazu. Endlich hatte ich ein Pferd für mich alleine. Der Fuchshengst EH ASSAM (Gharib x Aminah v. El Hilal) kam als dritter ägyptischer Vollblutaraber zu uns.
In den kommenden Jahren liefen wir mit den drei Hengsten spazieren, übten an der Hand über kleine Gräben oder Baumstämme zu springen, hängten uns mit Ski oder einem Rodelschlitten hinter sie. Vierjährig gab es dann auch keine Probleme mit dem Einreiten. Problemlos konnten wir von Anfang an - nur am Halfter mit ihnen ins Gelände reiten. Sie kannten ja schon alles und waren völlig unerschrocken. Man hatte den Eindruck, daß sie stolz waren jetzt auch einen Reiter tragen zu dürfen. Gabir und Assam liefen auch zweispännig vor der Kutsche. Nur Scheuklappen konnten beide nicht leiden. Ohne Scheuklappen und mit Gummigebiß liefen sie als ob sie das schon seit Jahrzehnten tun würden.
1987 kam nun ein Umzug der Pferde ins Schwenninger "Landhaus". Nur fünf Minuten Fußmarsch von unserem Wohnhaus entfernt, hatten wir nun einen Stall für uns alleine. Unser vierter Araber hielt Einzug. Erich Hagenlocher siedelte mit seinen Vollblutarabern nach Kalifornien um. Seinen alten Morafic-Söhnen Madkour und Shawky wollte er den Flug nicht mehr zumuten. Madkour fand einen Platz bei Nayla Hayek in der Schweiz - der im ägyptischen Staatsgestüt "El Zahraa" geborene Originalaraberhengst SHAWKY (Morafic x Bint Mabrouka) kam zu uns.
Obwohl schon 24 Jahre alt, konnte ich mit SHAWKY noch spazierenreiten. Im hohen Alter von 25 Jahren wurde er zum ersten mal vor einen Sulky eingespannt. Auch lief Shawky als Handpferd neben Assam mit und konnte auch mit ihm zusammen auf die Weide. Zwischen den beiden Hengsten entstand eine enge Freundschaft. Auch die anderen Hengste konnten bis zum Alter von 7 Jahren gemeinsam auf die Weide.
1989 bot sich die Möglichkeit einen Stall mit Wohnung für Karen und mich in Zollhaus (bei Villingen-Schwenningen) zu mieten. Neben einem herrlichen Reitgelände hatten wir nun auch den Traum erfüllt, die Pferde am Haus zu haben. In dieser Zeit waren wir auch sehr aktiv. Mehrtägige Wanderritte, Amateurrennen, Jagden, ein Distanzritt und auch ein Urlaub mit den Pferden auf Norderney hielten uns auf Trab.
Shawky mußte 1992 im hohen Alter von 29 Jahren eingeschläfert werden.
Ein Jahr später ist meinem Vater dann der Marbacher MASCHADI (Moneef x Mahari) "zugelaufen"! In der Nähe unseres Stalles kam er über einen Feldweg gesattelt angaloppiert. Er ließ sich problemlos einfangen. Seine Besitzer kamen einige Zeit später mit dem Auto hinterher. Später wurde er uns kostenlos angeboten, weil er als Hengst in seinem bisherigen Stall in dem auch Stuten standen - sehr schwierig war. Seine Besitzerin wußte ihn in unserem Hengststall gut aufgehoben. Er fühlte sich bei uns auch gleich wie zu Hause und es gab keine Probleme mit den anderen Hengsten. Er wurde geritten und auch als Handpferd auf Ausritten mitgenommen.
1993 wurde mir die Jährlingsstute ANNOUAH (Messaoud x EH Atika von Dalul) angeboten. Ebenfalls aus der Zucht von Erich Hagenlocher - jetzt allerdings in den USA gezogen. Ihre Mutter wurde mit Annouah tragend nach Deutschland verkauft. Ich konnte nicht widerstehen. Da ich Annouah nicht zu unseren vier Hengsten stellen wollte, kam sie zu Bekannten auf den Araberhof Langenfeld. Obwohl in der Herde dort alle Altersklassen vertreten waren, fühlte sich Annouah sehr unwohl und entwickelte sich zu einem sehr schwierigen Pferd. Meine Eltern hatten zwischenzeitlich ein Haus in Talheim (Kreis Tuttlingen) gebaut. Wegen Schwierigkeiten mit einer Baugenehmigung für den geplanten Stall dort, war das angrenzende Weideland ungenutzt. Ich organisierte also ein weiteres Stutfohlen - Annouahs Halbschwester BINT ULTIMA HILALA (Messaoud x EH Ultima Hilala) und die beiden Jungstuten kamen zu meinen Eltern auf die Weide mit provisorischem Unterstand. Annouah war wie umgedreht - ein ruhiges, ausgeglichenes Pferd. Nach diesem Sommer kam sie dann in unseren Stall nach Zollhaus.
Maschadi konnte aufgrund eines Herzfehlers nicht mehr geritten werden und wurde deshalb von uns an einen Fan und Bewunderer abgegeben. Er erhielt dort noch einige Jahre das "Gnadenbrot".
1996 konnte dann endlich der Stall in Talheim gebaut werden. Ich selbst war inzwischen auch schon zweimal umgezogen - nur Karen wohnte noch mit ihrem Freund zusammen in Zollhaus. Hakim blieb bei Karen in Zollhaus, während Assam, Gabir und Annouah in den neuen Stall nach Talheim zogen. Um die Pferdehaltung zu vereinfachen entschieden wir uns die Hengste Assam und Gabir kastrieren zu lassen. Endlich konnten alle zusammen auf eine Weide. Auch können die Pferde jetzt durch die Außentüren ihrer Boxen raus und rein, wie sie wollen. Nach einem größeren Umbau des Wohnhauses in Talheim zog ich nun auch zu meinen Pferden nach Talheim.
1998 wurde unser Traumfohlen ALEEAH (Fareed Bey x Annouah) geboren.
Aleeah starb leider schon im Alter von 8 Wochen.
Im gleichen Jahr mußte Hakim, das Pferd meiner Schwester Karen, durch einen tragischen Reitunfall eingeschläfert werden.
Karen und ich fuhren von einem Gestüt zum anderen um einen geeigneten Nachfolger für Hakim zu finden. Leider konnten wir kein Pferd finden, daß unseren Vorstellungen entsprach. Nach einem Telefonat mit Erich Hagenlocher flog Karen kurzentschlossen nach Kalifornien und kaufte dort EH BAHIM (Al Nowasy x Bashirah von Shawky). Hiermit hatte sie einen Halbbruder zu ihrem verunglückten Hakim und gleichzeitig einen Enkel unseres Morafic-Sohnes Shawky. Er wurde natürlich nicht nur aufgrund seiner Abstammung ausgesucht. Er besticht durch herausragenden arabischen Typ.
Leider konnte kurzfristig kein Flug für ihn nach Deutschland gefunden werden und so mußte er mit Herrn Hagenlocher noch nach New Mexico umsiedeln. Erst nach etlichen Monaten kam er dann auf dem Frankfurter Flughafen an. Eine gute Sache hatte dieses Transportproblem allerdings auch - Karen lernte dadurch ihren späteren Ehemann -den Tierarzt Dr. Andreas Roeckl - kennen. Bahim steht inzwischen zusammen mit einigen Pferden anderer Rassen im neu erbauten Stall von Karen und Andreas.
Im Herbst 2002 hielt nochmals eine Vollblutaraberstute bei uns Einzug. Diesmal die spanisch-ägyptisch gezogene Schimmelstute BLUE VELVET (Nabya Ibn Gharib x Estashama Ibn Estopa) aus dem Gestüt OM EL ARAB. Ebenso wie unsere anderen Pferde hat sie den Marbacher Bewegungskünstler Gharib im Pedigree und reiht sich daher bestens in unsere kleine Herde ein.
Es ist kaum zu glauben, aber wir bekommen im Dezember 2005 eine Traumstute:
NEMAD (Gharib x Nedjari v. Hadban Enzahi) aus Marbacher Zucht wird vom Vollblut-Araber-Gestüt "Schwarzwald-Baar" übernommen. Nemad wurde 2006 vom Marbacher Hauptbeschälter Dschehim gedeckt. Leider wurde sie nicht tragend.
Wundert es jemanden, dass der nächste Neuzugang wieder eine Gharib-Enkelin ist? Mit ANGEL HEART (Nabya Ibn Gharib x Estashama Ibn Estopa) übernehmen Karen und Andreas die Vollschwester von Blue Velvet.
Gabir musste im Februar 2007 wegen Kreislaufschwäche im Alter von 24 Jahren eingeschläfert werden.
Aus der Anpaarung von Angel Heart mit dem Marbacher Hauptbeschäler Dschehim ist im April 2007 das Stutfohlen SHAKIRA BINT DSCHEHIM entstanden. Shakira steht zur Aufzucht im Haupt- und Landgestüt Marbach (Fohlenhof St. Johann) in einer großen Herde zusammen mit 40 Stutfohlen verschiedener Rassen und 2 alten Warmblutstuten, die als "Erzieherinnen" tätig sind. Shakira wird in ein paar Jahren die Nachfolge von meinem inzwischen 25-jährigen Assam antreten.
Am 1. Mai 2008 kommt DSCHESIRA BINT DSCHEHIM zur Welt. Ebenfalls aus der Anpaarung Dschehim/Angel Heart. Dschesira wird das zukünftige Reitpferd von Karen.
Der 27. April 2009 ist gleichzeitig Assam´s 26. Geburtstag, den er bei bester Gesundheit erleben kann und das Geburtsdatum von DSCHESIM IBN DSCHEHIM, ein Bruder zu Shakira und Dschesira.
Fortsetzung folgt...