HuL Marbach

Gharib (Anter x Souhair)  Fotos: Gudrun Waiditschka

Portrait Gharib

Egal, wie man selbst zu ihm stand: dass mit Gharib einer der ganz Großen der Zucht ausgeschieden ist, dürfte wohl niemand abstreiten können. Es liegt in der Natur wirklicher Größe, dass der, der sie besitzt, nie unumstritten ist – bei großen Pferden ist das auch nicht anders als bei großen Menschen, und gerade an Gharib schieden sich die Geister. Man hielt entweder nichts von ihm oder sehr viel, oder (so ging es mir selber) man stand erst auf der einen Seite und vollzog irgendwann eine 180-Grad-Kehrtwendung zur anderen Seite hin. Als ich Gharib zum ersten Mal sah, fiel mir zuerst der tiefe Schweifansatz auf und der völlig andere Typ, und ich machte mir ernsthaft Sorgen um die von Hadban Enzahi geprägte, einheitliche Marbacher Stutenherde. Erst später erwies sich, wie unberechtigt, ja unsinnig solche Befürchtungen waren. Gharib war gar nicht in der Lage, dieser sorgfältig durchgezüchteten Herde etwas wegzunehmen; er war aber wohl imstande, ihr wichtiges und notwendiges zu geben.


Gharib wurde am 1.April 1965 im ägyptischen Staatsgestüt El Zahraa geboren und stammte von dem Fuchs Anter aus der schwarzbraunen Souhair. Er war der einzige Anter-Sohn, der in Deutschland wirkte. Als Fünfjähriger wurde Gharib in El Zahraa von dem damaligen Leiter des Haupt- u. Landgestüts Marbach, Landoberstallmeister Dr. Georg Wenzler, für Marbach erworben. Dabei standen verschiedene Überlegungen im Vordergrund. Anfang der siebziger Jahre hatte Hadban Enzahi die Marbacher Herde entscheidend geprägt, die vorwiegend aus seinen Töchtern bestand; davon gingen wiederum einige auf Hadbans Halbschwester Nadja zurück. Hadban Enzahi war ein Stempelhengst, dessen Kinder den Vater nicht verleugnen konnten. Ohne seine Leistung als Vererber schmälern zu wollen (vollkommen ist bekanntlich niemand), muß man objektiv feststellen, dass dabei häufig die Hälse und Kruppen etwas knapp ausfielen, und auch die Gänge waren nicht immer überragend. Zudem war Hadban Enzahi ein reinerbiger Schimmel, der früh weiß wurde und später viel Pigment verlor, was er zumeist in Anpaarung mit Schimmelstuten vererbte. Der neue Hengst musste also mehrere Voraussetzungen erfüllen: er sollte viel Pigment haben, gute Gänge, einen guten Hals, außerdem möglichst nicht von Nazeer abstammen und trotzdem nicht blutsfremd sein.Gharib wurde diesen Anforderungen in jeder Hinsicht gerecht. Er war ein Rappe; er verfügte über einen langen, gut geformten Hals, eine kräftige, wenn auch etwas runde Kruppe und ein gewaltiges Gangvermögen; obendrein konnte er auch springen. Er war frei von Nazeer-Blut und besaß doch mehrfach Blutanschluß sowohl an Hadban Enzahi als auch an dessen Vorgänger Jasir. Bei einer guten Größe von 1,55 m Stockmaß machten ihn seine guten Reitpferdepoints sowie seine Gänge und sein Springvermögen auch bei Warmblutzüchtern beliebt: er war der bislang einzige Vollblutaraberhengst der Nachkriegszeit, der in der Trakehnerzucht eine Hengstlinie begründen konnte.

Manchen Araberzüchtern war er aber auch, aus genau denselben Gründen, wohl „zuviel Pferd“. So wie anfangs den deutschen Züchtern die Nazeer-Söhne Ghazal, Hadban Enzahi und Kaisoon zu fein vorgekommen waren, so hatte man sich inzwischen daran gewöhnt, und der ganz anders gezogene Gharib war so gar nicht das, was man von einem Ägypter erwartete. Er hatte mehr von den Wüstenarabern des 19. Jahrhunderts als von den extrem feinen ägyptischen Gestütspferden. Betrachtet man Bilder seines dreifachen Vorfahren Astraled, den 1900 geborenen Sohn einer Beduinenstute, so findet man dort neben der schwarzen Farbe genau dieselbe gerundete Kruppe mit dem etwas tiefen Schweifansatz; außerdem einen etwas derben, keilförmigen Kopf mit geradem Profil, den Gharib zwar selbst nicht hatte, aber ab und zu einmal vererbte. Gharibs eigener Kopf war ein Charakterkopf: etwas lang und durchaus kein „Hechtkopf“ dabei aber edel und sehr trocken. Sein Auge hätte etwas größer sein können, aber kaum ausdrucksvoller. Er war kein hübsches Pferd, aber ein schönes. Und er schaffte das, was Marbach von ihm wollte: seine Nachkommen hatten längere Hälse und Kruppen und hervorragende Gänge, ohne dabei den angestammten Typ zu verlieren. Es waren zwar größtenteils Schimmel, aber sie hatten deutlich mehr Pigment. Ab und zu waren Braune darunter und Füchse, aber aus Marbach kam nie ein Rappe – da hatten die Privatzüchter mehr Glück.Bis 1985 wurden im Marbacher Stutbuch 79 Gharib-Fohlen registriert, von denen eine Rekordzahl von 21 als Hengste gekört wurden. Für den gleichen Zeitraum verzeichnet das deutsche Vollblutaraberstutbuch 68 Gharib-Fohlen, davon 9 gekörte Hengste. Gharib kommt damit auf eine Gesamtzahl von 30 gekörten Hengsten. Dabei sind natürlich noch nicht die Hengste erfasst, die nach der neuen Regelung noch in die Zucht gehen. In Marbach wurden sechs Gharib-Töchter in die Stutenherde eingereit, nach zehn Hadban-Töchtern die größte Gruppe von Töchtern eines Hengstes in der heutigen Herde; bis 1985 wurden beim Araberverband 36 Gharib-Töchter als Zuchtstuten eingetragen, von denen zehn in Marbach gezogen wurden. Acht Gharib-Töchter, davon drei in Marbach brachten gekörte Hengste. Wie man an den Zahlen sehen kann, erfreute sich Gharib auch bei privaten Züchtern einiger Beliebtheit, nicht zuletzt auch durch seine RappfarbeAuch ausländische Züchter sicherten sich Gharib-Nachzucht. An erster Stelle liegt wohl das kanadische Gestüt Stonebridge Farms, das eine ganze Reihe von Gharib-Kindern aus Marbach erwarb. Darunter sind der Hengst Norus (1984 a.d. Noha) und die Stuten Nasim (1983 a.d. Noha) und Nafei (1974 a.d. Nabya), letztere Mutter des syndikatisierten Rapphengstes Dal Noir. Weitere Exporte, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Sheriff (1974 a.d. Sahmet) und Shagal (1975 a.d. Shamaa) in die USA, Shereik (1977 a.d. Scharaya) nach Holland, Nayef (1980 a.d. Noha) in die Schweiz. Der Hengst Nijamin (1979 a.d. Nedjari) wurde für zwei Jahre nach England verpachtet und brachte dort gute Nachzucht.Als Vererber traten im Inland bisher vor allem zwei Gharib-Söhne in den Vordergrund: der 1973 geborene Dämon (a.d. Hamdi) des Gestüts von Kameke und der 1979 geborene Saddam (a.d. Senitza) des Gestüts Schwarzwald-Baar, beide in Marbach gezogen. Dämon trat vor allem hervor als Vater des Trakehner Hengstes Polargeist (1977 a.d. Polarnacht v. Habicht), der den Trakehner Körungssieger von 1983, Holunder stellte. In der Vollblutaraberzucht wurde Dämon bisher hauptsächlich in seinem Heimatgestüt eingesetzt und brachte zwar nicht viele, aber hochklassige Nachkommen, darunter zwei gekörte Hengste. Auch Saddam kann zwar nicht mit großen Mengen aufwarten, zumal er keine Fremdstuten deckt, dafür aber mit einer Körungsrate von 100 % – von seinen fünf Söhnen, die zur Körung vorgestellt wurden, wurden alle gekört und anerkannt. Einer davon, der auf Gharib ingezüchtete Mimjal Ibn Saddam (a. d. Masira v. Gharib) steht als Deckhengst in Österreich; der älteste Saddam-Sohn, Sharoun (a.d. Hadassa) war vor zwei Jahren nach Dänemark verpachtet.Erwähnt werden sollte auch der 1978 in Marbach geborene Gharib-Sohn Nasir (a. d. Nabya) im Besitz von Dr. Klausmeier, der von allen Gharib-Söhnen die meisten Schauerfolge aufweisen kann, mit mehreren regionalen Championaten und hohen Plazierungen bei internationalen Schauen wie dem Nations Cup. Auch der bereits erwähnte Nijamin war auf Schauen erfolgreich. Die Anpaarung von Gharib mit Hadban-Töchtern aus der N-Linie erwies sich überhaupt als besonders glücklich. Von 10 bis 1985 geborenen Hengsten aus der Anpaarung mit den Vollschwestern Nabya, Nedjari und Noha gingen ganze zwei (bisher) nicht in die Zucht! Alle oben genannten Hengste stammen aus Marbach. Von den in Privatgestüten gezogenen Gharib-Söhnen trat als Vererber vor allem der 1971 geborene Rappe El Abd (a. d. El Garia) hervor, gezogen von Erich Hagenlocher und im Besitz der Familie Hinterthür. Er ist der Vater von zwei gekörten Hengsten, Khamal el Assuad und Al Azim, beides Rappen, von denen letzterer im Besitz von Doris Melzer ein erfolgreiches Distanzpferd ist. El Abd selbst machte vor Jahren auch als Springpferd gegen Warmblüter von sich reden. Dass Gharib selbst springen konnte wurde bereits erwähnt; El Abd ist nur ein Beispiel dafür, dass er auch Leistung vererbte. So waren in den Jahren 1981, 1982 und 1983 Gharib-Söhne die besten Vollblutaraber bei der Hengstleistungsprüfung in Marbach. Sirhan (a. d. Sahmet) belegte 1981 den 5. Platz unter 25 Hengsten, Nasir 1982 Platz 11 von 21 Hengsten und Nijamin 1983 den 4. Platz von 20 Hengsten, wohlgemerkt gegen Warmblüter. In Medingen war der oben genannte El Abd 1977 bester Vollblutaraber in der Gruppe der arabischen Hengste; als zweitbeste Vollblutaraber ihres Prüfungsjahrganges in Medingen firmierten Saddam (5. Platz, 1983) und dessen Sohn Sharoun (4. Platz, 1987). Der Gharib-Enkel Motassem (Ansata Halim Shah x Messaouda v. Gharib) schloß 1989 die HLP in Marbach ebenfalls als zweitbester Vollblutaraber ab, als Neunter von 32 Hengsten einschließlich Warmblütern. Für die Sensation sorgte 1989 allerdings der Saddam-Sohn Munim Ibn Saddam, der mit 130,04 Punkten alles hinter sich ließ und die HLP in Marbach gegen Warmbluthengste gewann. Ein weiterer Gharib-Enkel, Naheed (Madkour x Nagha v. Gharib) gewann die HLP in Medingen 1988 mit 132,72 Punkten. Naheed nimmt außerdem an Dressurprüfungen teil und ist als einziger Vollblutaraber für die hessische Warmblutzucht anerkannt. Eine Leistungsprüfung der ausgefalleneren Art erbrachte der Gharib-Sohn Hamasa Gharbi (a. d. Hamasa Tumaderah), der 1989 die Deutsche Meisterschaft im Einspänner-Distanzfahren mit seinem Besitzer Hans-Werner Falk souverän gewann. Bei seiner HLP war er bester Vollblutaraber in Warendorf. Der Trakehner Körungssieger Holunder v. Polargeist, Gharib-Urenkel, war in Medingen HLP-Sieger. Auch Gharib-Töchter konnte man schon unter dem Sattel oder im Geschirr bewundern, so vor einigen Jahren die 1974 geborene Ghazi im Vierspänner und die 1976 geborene Shalam als Dressurpferd. Leider werden Araberstuten hierzulande noch viel zu wenig unter dem Sattel geprüft. Eine könnte man noch nennen: eine Gharib-Enkelin von Saddam aus einer Hannoveraner Stute, im Besitz von Herrn Banka, einem Mitglied des erweiterten Kaders der Miltary-Reiter von Baden-Württemberg, wurde 1989 zum Bundeschampionat der Materialpferde eingeladen.Gharib selbst musst keine Prüfung mehr machen, aber er wurde, wie alle Marbacher Hengste, selbstverständlich regelmäßig geritten. Züchterisch konnte Gharib in den letzen Jahren wegen einer bakteriellen Infektion nur eingeschränkt eingesetzt werden, aber in traditioneller Araber-Manier hielt er sich gesundheitlich gut, und auch mit 25 Jahren sah man ihm sein wahres Alter kaum an. Umso unvorhergesehener das plötzliche Ende, aber es war ein Ende, wie man es jedem Pferd nur wünschen kann: beim Auslauf auf der Koppel versagte sein Herz. Ein langes Siechtum und der langsame Verfall der Kräfte blieb ihm erspart. Der leere Platz, den er in der Marbacher Hengststation hinterlässt, wird schwer zu füllen sein; aber durch seine züchterische Leistung hat Gharib schon zu Lebzeiten dafür gesorgt, dass er einmal zu denen gehören würde, die um ein oft überstrapaziertes Wort einmal zu benutzen – wahrhaft unsterblich sind.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Betty Finke

Dschehim (Pamir I x Dschihan / Fotos: Gudrun Waiditschka, Carola Toischel, Oliver Seitz

 

Portrait Dschehim

Dschehim (Pamir I x Dschihan v. Nasrodin), geb. 1996

Der herausragende Hauptbeschäler im Haupt- und Landgestüt Marbach ist heute der 1996 geborene Schimmelhengst Dschehim. Nach 18 Generationen Weiler-Marbacher Zucht ist mit Dschehim ein “Meisterstück” gelungen. Dschehim entstammt der Stutenlinie der Murana I (1808) und der Hengstlinie des Bairactar (1813). Dschehim steht ganz im Typ seines Stammvaters Bairactar und vereint eine hochedle, elegante Erscheinung mit bester Rittigkeit.

Die Hengstleistungsprüfung hat Dschehim mit überragendem Ergebnis gemeistert und wurde anschließend – seiner Begabung entsprechend – in der Dressur bis zu Lektionen der Klasse S gefördert. Dschehim gilt als einer der gangstärksten Vollblutaraber weltweit. Auch in der Showszene kann Dschehim mit internationalen Erfolgen (Klassensieger, Seniorchampion) Erfolge aufweisen.
Dschehim´s Fohlen sind sehr einheitlich – edel und großrahmig. Dschehim ist für alle Araberrassen sowie für die Reitpony- Trakehner-, Hannoveraner-Zucht und für die süddeutschen Zuchtverbände anerkannt. Seine Töchter Shafali und Saouda erhielten den Prämientitel des VZAP, während seine Tochter Shadi die Stutenleistungsprüfung in Marbach als Siegerin gegen Warm- und Vollblüter gewinnen konnte. Hoch erfolgreich im Distanzsport läuft Sevinc unter Melanie Arnold

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© Oliver Seitz